Industrie 4.0 erfordert interdisziplinäres Wissen

Industrie 4.0 hält immer mehr Einzug in den Unternehmen und wird die Arbeit massiv verändern. Professional Computing sprach mit David Gemmet, Studiengangsleiter an der FFHS über die Chancen für die Wirtschaft.

Was ist unter Industrie 4.0 genau zu verstehen?
Von der Historie ist Industrie 4.0 die Fortsetzung der bisherigen industriellen Entwicklungen. Mit Industrie 1.0 wurde die Mechanisierung eingeläutet, darauf folgte die Massenproduktion mithilfe von Fliessbändern und elektrischer Energie als Industrie 2.0 bezeichnet, und Anfang der 1970er-Jahre folgte Industrie 3.0, die mittels Elektronik und IT zur Automatisierung der Produktion führte. Industrie 4.0 bezeichnet heute die intelligente Vernetzung von Maschinen und Abläufen in der Industrie durch die Informations- und Kommunikationstechnologie und wird umgangssprachlich auch oft durch den Begriff Digitalisierung bezeichnet.

Was bringt Industrie 4.0 in Zukunft?
Industrie 4.0 bringt die Hoffnung, dass ein Teil der Produktion durch sogenannte „intelligente Fabriken“ (Smart Factories) vom Ausland wieder in die Schweiz zurückkommt. Die Vernetzung von Produkten und Maschinen bringt eine Effizienzsteigerung bei produzierenden Unternehmen und macht so die Schweiz als Produktionsstandort wieder attraktiv. Durch die flexible Fertigung und die transparenten Abläufe können Unternehmen schnell und flexibel auf Veränderungen reagieren und Produktionsprozesse einfach und standortübergreifend verbessern. Vernetzte Maschinen lassen sich schnell auf veränderte Anforderungen umprogrammieren und erlauben sogar, Kleinstmengen und Einzelstücke kostengünstig vor Ort zu produzieren. Intelligente Objekte werden vielfältige Daten liefern, auf denen aufbauend entstehen neue Geschäftsmodelle und Dienstleistungen. Zudem wird dank intelligenter Assistenzsysteme die Arbeit erleichtert und ermöglicht in der Industrie auch in der Produktion flexiblere Arbeitsmodelle.

Welche konkreten Auswirkungen hat dies auf die neue Arbeitswelt in der Produktion der Unternehmen?
Neue Technologien wie 3D-Drucker, fahrerlose Autos und vernetzte Maschinen werden in Zukunft die Arbeitswelt verändern. Gut ausgebildete Fachkräfte sind in den kommenden Jahren extrem gefragt. Ohne diese gelingt die digitale Transformation im Unternehmen nicht. Wer nicht über die entsprechenden Fähigkeiten verfügt, der muss heute die verschiedenen Weiterbildungsmöglichkeiten in den Unternehmen intern und extern nutzen. Unternehmen und Mitarbeitende sind gleichermassen gefordert, sich das notwendige Wissen zu besorgen, sonst verlieren sie den Anschluss.

Wie können sich besonders KMUs auf diesen Wandel in der neuen Arbeitswelt einstellen?
Intelligente Roboter ermöglichen auch KMUs, neue Fertigungsmethoden einzuführen. Sie benötigen daher eine Industrie-4.0/Digitalisierungs-Strategie und das Know-how, digitale Prozesse und Technologien richtig einzuschätzen, um Projekte erfolgreich umzusetzen. Für KMUs wird es darum gehen, das Zusammenspiel von Technologie mit digitalen Geschäftsmodellen sowie einer kundenorientierten Lernkultur im Unternehmen zu fördern und zu etablieren. Es gilt, die im Unternehmen vorhandenen Mitarbeiter-Potenziale zu erkennen und richtig einzusetzen.

Wie sehen Sie die Zukunft: Wird es durch die zunehmende Automatisierung nicht zu Job-Verlusten kommen?
Mit jeder Revolution in der Produktion und mit jeder Stufe der Automatisierung sind unter dem Strich mehr neue und hochwertige Jobs geschaffen worden. In Zukunft werden Mensch und Maschine jedoch enger zusammenarbeiten. Zwar werden intelligente Roboter den Menschen nicht ersetzen. Komplexe Entscheidungen zu treffen und unkonventionelles Denken sind die Fähigkeiten, die auch in Zukunft beim Menschen liegen werden. Industrie 4.0 wird auch mehr Arbeitsplätze schaffen, jedoch anders gelagert als heute. Angestammte Berufe werden reduziert, dafür neue Berufsbilder geschaffen, die nach neuen Fähigkeiten verlangen. Dafür müssen heute bereits in der Berufsausbildung die verschiedenen Berufsbilder mit Blick auf diese Veränderungen ausgerichtet werden.

Welche Kompetenzen werden in Zukunft besonders gefragt sein?
Kompetenzen in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik werden an Bedeutung gewinnen. Auch betriebswirtschaftliches Verständnis und Wissen werden als Grundwissen vorausgesetzt. Die vierte industrielle Revolution bedingt insbesondere bei künftigen Fach- und Führungskräften ein interdisziplinäres Fachwissen. Diesem Bedürfnis begegnet z.B. die Fernfachhochschule Schweiz (FFHS) bereits seit 2017 mit dem schweizweit ersten Masterstudiengang MAS Industrie 4.0 – Smart Engineering & Process Management. Dabei legen wir den Fokus besonders auf eine gewinnbringende Verknüpfung von aktuellen Forschungsergebnissen und praxisnahem Know-how.

Inwiefern müssen Unternehmen ihre Weiterbildungskonzepte neu planen, um Mitarbeiter angemessen auf die Entwicklungen in der Industrie 4.0 vorzubereiten?
Die Förderung der Aus- und Weiterbildung bereitet den Weg für die Qualifizierung. Industrie 4.0 bringt die starren Grenzen z.B. zwischen Planern und Produktion endgültig zum Verschwinden. Daher werden interne und externe Wissens- und Innovationsnetzwerke von elementarer Bedeutung sein. Mitarbeitende in allen Bereichen in Unternehmen – nicht nur in Administration und Verwaltung, sondern auch in der Produktion – müssen daher vermehrt die Möglichkeit nutzen, sich weiterzubilden. Insbesondere für KMU und Mitarbeitende mit tiefem Lohn ist eine finanzielle Unterstützung der Weiterbildung ein wichtiger Beitrag. Hier stossen KMUs oft an ihre Grenzen, sind ihre Weiterbildungsbudgets beschränkt und können daher nur sehr selektiv in ihre Mitarbeitenden investieren. Hier setzt beispielsweise die Bildungsinitiative der Schweizerischen Berghilfe an. Sie unterstützt aktiv KMUs in den Bergregionen mit bis zu 50 % der Kosten der digitalen Weiterbildung. Solche Ansätze werden in Zukunft vermehrt benötigt werden und müssen insbesondere in der Politik diskutiert werden. Bis 2025 wird die zunehmende Digitalisierung eine massive Umschichtung im Arbeitsmarkt auslösen. Dank der Transformation der Geschäftsprozesse steigen Produktivität und Flexibilität in der Wertschöpfungskette, aber zugleich auch die Anforderungen an Führungs- und Fachkräfte. Verlangt sind ein hohes Mass an Agilität und interdisziplinärem Fachwissen zwischen Ingenieurwesen, Informatik und Betriebswirtschaft. Diese Herausforderung müssen Unternehmen und ihre Mitarbeitenden auf allen Stufen angehen und sich das notwendige Fachwissen aneignen.

Professional Computing sprach mit: David Gemmet ist Studiengangsleiter MAS Industrie 4.0 an der Fernfachhochschule Schweiz (FFHS).

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