Bild: Jia Li/Shutterstock.com

Die IT der Automobilhersteller im Umbruch

Die Zeit, in der ein Fahrzeug nur aus mechanischen Komponenten bestand, liegt noch nicht so lange zurück. Dies gilt auch für die spärlichen
IT-Budgets, die in zentrale Business-IT-Anwendungen investiert wurden.

Heute fliesst bereits rund ein Drittel der gesamten Ausgaben in die IT im Fahrzeug sowie in dessen Umfeld. In Zukunft wird sich dieses Verhältnis noch weiter verschieben. Sieht man sich Toyotas ConceptCar Fun-Vii an, bei dem die Karosserie und selbst Teile der Fahr-zeuginnenflächen als Bildschirm verwendet werden können, erhält man einen Vorgeschmack auf das, was wir im Bereich der Personalisierung erwarten dürfen. Wer zudem die diesjährige CES in Las Vegas beobachten konnte, hat gesehen, dass nahezu jeder Monitorhersteller papierdünne, biegsame Displays im Angebot hat. Bald werden die Kosten für diese Form der Karosserie-Oberflächen günstiger werden als die klassische Lackierung.

Bereits heute kommen Serienmodelle auf den Markt, die sich anstelle vieler Instrumente mit einem Touchscreen in der Mittelkonsole begnügen. Die Software-gesteuerten Bedienelemente können sich der aktuellen Fahrsituation anpassen; so werden beispielsweise bei kritischen Verkehrssituationen Komfort- und Unterhaltungselemente zugunsten von Sicherheitsanzeigen ausgeblendet.

Erste Hersteller binden in die Routenplanung alternative Verkehrsmittel wie Angebote im öffentlichen Nahverkehr und unternehmenseigene
Car-Sharing-Angebote ein. Die biometrischen Daten des Fahrers, seine Kommunikationsparameter, Designeinstellungen der Head Unit und die persönlichen Mediadaten werden in der eigenen Cloud des Original Equipment Manufacturers (OEM) abgelegt. Es ist leicht vorstellbar, dass ein Mietwagen vom gleichen Unternehmen, auf Knopfdruck das persönliche Environment des eigenen Fahrzeuges bietet.

Grosse Herausforderungen für die IT

Diese Entwicklung kann für die IT des OEM eine grosse Herausforderung darstellen. Denn die heutigen Datencenter sind in der Regel nicht dafür konzipiert, dass gleichzeitig tausende von Endkunden rund um die Uhr auf sie zugreifen. Dazu sind ihre Infrastrukturen meist zu komplex und somit nicht flexibel und skalierbar genug. Kommt ein neues Fahrzeugmodell auf den Markt und erzeugen plötzlich tausende von zusätzlichen Nutzern ständig Daten, wird für eine angemessene Kundenbetreuung eine Support-Infrastruktur mit Service-Hotlines und Ticket-Systemen nötig. Auch das dadurch permanent wachsende Datenvolumen und das Konfigurationsmanagement des Software-Stands von Fahrzeugen sind nicht zu unterschätzen.

Die Cloud spielt eine wichtige Rolle

Natürlich haben die zentralen IT-Organisationen auch etwas in die Waagschale zu werfen: Kenntnisse der Hardware- und Software-Architekturen, der Software-Entwicklung und der notwendigen Qualitätssicherungsprozesse. Auch das Identity- und Security-Management, der Aufbau und Betrieb einer Privat-Infrastruktur, der Umgang mit Public-Cloud-Angeboten und nicht zuletzt das Vendor-Management gehören heute zu ihren Kompetenzen.

Unter dem Titel «The new technology stack» hat Prof. Michel E. Porter von der Harvard Business School in der Ausgabe 12/2014 des Harvard Business Manager Magazins eine Musterarchitektur für Smart Connected Devices wie Autos veröffentlicht. Diese Architektur zeichnet sich durch eine sogenannte Product Cloud oder genauer Vehicle Cloud aus.

Die Vehicle Cloud besteht aus mehreren Komponenten, darunter einer Product Data Base, in welcher alle Fahrzeugdaten gespeichert werden. Als Ergänzung werden Daten aus OEM-internen und externen Quellen hinzugezogen. Wir sprechen in diesem Fall von einem Data Lake, einer Kombination aus Werkzeugen für die Speicherung und Auswertung von historischen und Real-time-Daten. Der Application Layer umfasst alle Komponenten auf deren Basis agile Cloud-Anwendungen entwickelt und betrieben werden können. Der Rules & Analytics Engine Layer wiederum enthält die
Algorithmen, mit denen Datenbestände analysiert werden, und der Smart Product Application Layer die zugehörigen Anwendungen.

Empfehlenswert ist der Aufbau der Vehicle Cloud als Hybrid Cloud, welche sowohl Public- als auch Privat Cloud-Komponenten enthält. Die IT-Abteilung des OEM kann mit einem kleinen Privat Cloud-Anteil beginnen und Ressourcen und Anwendungen, die beim Public Cloud-Betreiber liegen, schrittweise insourcen. Umgekehrt können zur Bewältigung von Spitzenlasten Ressourcen aus der Public Cloud mit eingebunden werden. Auch ein permanenter Mischbetrieb ist denkbar: Fahrzeugnahe Anwendungen und Daten liegen in der Privat Cloud und mehr auf Komfort oder Unterhaltung ausgelegte in der Public Cloud.

Flankiert wird die Vehicle Cloud durch OEM-interne Datenquellen wie zum Beispiel das CRM-System, Datenbanken für die Fahrzeugkonfiguration sowie Aftersales-Anwendungen. Die externen Datenquellen reichen von Wetterdaten, über Verkehrsinformationen bis hin zu Social-Media-
Nutzungsdaten der Fahrer.

Sicherheitsthemen werden immer wichtiger

Zentral ist das durchgängige Identity- und Security-Management. Jede Schnittstelle ist aus dieser Sicht eine mögliche Schwachstelle und muss spezifisch abgesichert werden. Wie kann beispielsweise verhindert werden, dass jemand unerlaubt eine Identität nutzt und sich in der Vehicle Cloud anmeldet? Dies ist nur eine der kritischen Fragen, mit der sich die Security-Bereiche der IT-Organisationen auseinandersetzen müssen.

Wie keine andere Architektur versetzt die Hybrid Cloud die IT-Organisation eines OEM in die Lage, selbst zum Betreiber des Vehicle Backends zu werden. Das Management der Fahrzeugdaten wird in naher Zukunft die gleiche Bedeutung haben wie die Entwicklung eines verbrauchsarmen und leistungsstarken Motors, was Apple, Google und Uber bereits eindrücklich aufzeigen. Die Unternehmens-IT wird zum elementaren Teil des Produkts, indem sie die Daten sicher sammelt, verwaltet, analysiert und anderen Organisationen zur Produkt- und Prozessverbesserung sowie den Kunden in Form von neuen mehrwertigen Services zur Verfügung stellt.

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Autoren:
Daniel Pelke ist CTO bei EMC Deutschland
Sascha Meier ist Field CTO & Presales Specialist Manager bei EMC Schweiz
www.emc.com
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